Vom geisteswissenschaftlichen Studium in den Beruf

Mit einem geisteswissenschaftlichen Studium ist der Einstieg ins Berufsleben trotz aller Vorurteile ganz gut möglich. Dass der Weg dahin nicht unbedingt ein gerader sein muss, zeigt Tilman Rau, der hier über seine Erfahrungen auf dem Weg ins Arbeitsleben erzählt.

tilman rau

Stell dich doch kurz vor: Wie heißt du, was hast du studiert, als was arbeitest du im Moment?

Ich heiße Tilman Rau und habe in Tübingen Politikwissenschaft, Amerikanistik und Neuere deutsche Literatur studiert.
Momentan arbeite ich halbtags als Koordinator für das FSJ Kultur in Baden-Württemberg und den Rest der Zeit freiberuflich als Journalist, Dozent und Schriftsteller. Zum Beispiel führe ich im Literaturhaus Stuttgart seit über 10 Jahren Schreibwerkstätten für Jugendliche durch, seit neuestem auch Lehrerfortbildungen. Ich unterrichte in Schulen, an Unis und bei sonstigen Einrichtungen kreatives und journalistisches Schreiben. Hin und wieder habe ich Aufträge als Werbetexter, schreibe Prosa und habe auch schon einen Comic und ein Theaterstück geschrieben.

Warum hast du dich für ein geisteswissenschaftliches Studium entschieden? Wusstest du schon von Anfang an, was du damit später werden willst?

Das Studium war eine Notlösung. Ich hatte davor ein Studium für Bibliothekswesen abgebrochen und arbeitete übergangsweise als Pfleger für geistig und körperlich Behinderte. Dann dachte ich mir: Weshalb nicht studieren, was mich schon zu Schulzeiten interessiert hat? Ich fuhr nach Tübingen und schrieb mich ein. Damals ging das noch so. Man fuhr hin, legte im Büro sein Abizeugnis vor und bekam ein Studienbuch.

Wie kamst du nach dem Studium zum ersten Job?

Das war schon während des Studiums. Durch verschiedene Umstände landete ich bei Zeitung und Radio. Beim Radio machte ich bereits während des Studiums komplette Wochenschichten. Und als ich meine Magisterprüfung abgelegt hatte, wartete bereits ein Volontariat auf mich.

Was waren für dich die wichtigsten Stationen in deinem Lebenslauf?

Wichtig war der Moment, in dem ich erkannte, dass ich mich nicht komplett in ein vorgegebenes System einfügen kann. Das war der Moment, in dem ich meinen festen Job kündigte und Freiberufler wurde.
Eigentlich war alles wichtig, dass ich ausprobierte und für gut oder nicht gut befand. „Willst du ne Schreibwerkstatt für Reportage am Literaturhaus leiten?“ fragte mich eines Tages ein Kollege. „Hab ich noch nie gemacht“, lautete meine Antwort. „Na, dann probier’s doch aus“, sagte er.
Und so hab ich’s gemacht. So hab ich überhaupt fast jeden Job gekriegt, den ich je hatte. Ausprobiert. Gekonnt. Weitergemacht. Nicht gekonnt. Bleiben lassen. Ah, das gehört auch dazu: Dass man sich erlauben und eingestehen kann, Dinge nicht zu können oder nicht machen zu wollen.

Gab es auch mal Rückschläge?

Es gibt immer Dinge, die nicht klappen. Zum Beispiel hab ich für meinen Roman vor zwei Jahren keinen Verlag gefunden. Jetzt schreib ich halt einen neuen. Aber als Rückschlag würde ich das nicht bezeichnen, weil ich ja nicht weniger weit bin als früher.

Hast du deine Studienwahl irgendwann bereut? Würdest du heute etwas anders machen?

Bereut habe ich das nie. Wenn ich jetzt anfangen würde zu studieren, als 41-Jähriger, der ich bin, würde ich Psychologie studieren. Oder Kriminologie. Aber wenn ich nochmal 20 Jahre alt und im Jahr 1992 unterwegs wäre, würde ich wieder dasselbe studieren.

Hast du eine Empfehlung für Studenten, die sich für eine Geisteswissenschaft entschieden haben was den Weg ins Berufsleben angeht?

Ja, immer 2 Liter Wasser am Tag trinken und nochmal so viel Kaffee. Weniger als eine Schachtel am Tag rauchen ist sinnvoll. Weniger als 10 Zigaretten blöd. Auf keinen Fall Sport machen. Auf keinen Fall tätowieren lassen. Mal um 6 Uhr morgens aufstehen, mal um 2 Uhr mittags. Mal ne Nacht durcharbeiten, dann wieder eine ganze Woche die Uni sausen lassen.
Weshalb?
Weil dir sonst nichts mehr für später bleibst.
Mit 40 trinkst du wenig Kaffee, hörst mit dem Rauchen auf und fängst dafür mit Sport an. Du lässt dich tätowieren und stehst regelmäßig zur selben Uhrzeit auf.
Mal im Ernst, ich kenne Studenten, die sind 22 Jahre alt und leben fast so wie ich.

Danke für das Interview!

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