“Picknick am Wegesrand” und “Stalker” als Werke der Science Fiction

Die Hausarbeit, aus dem dieser Ausschnitt stammt, entstand in einem Seminar mit dem Titel “Science Fiction” im Studienfach Germanistik, Profil Komparatistik. Die Hausarbeit vergleicht das Buch “Picknick am Wegesrand” mit dem Film “Stalker” und hinterfragt, ob sich Buch und Film in das Genre Science Fiction einordnen lassen.

Hausarbeit Komparatistik

Erzählweise und Stil
Die Strugatzki- Brüder selbst bezeichneten „Picknick am Wegesrand“ als „Utopische Erzählung“. Im Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft wird der Begriff „Utopie“ umfassend als „narrative Entfaltung eines idealen funktionierenden Gesellschaftsmodells“ und auch als „auf Wirklichkeitsveränderung zum Idealzustand zielendes Denken“ definiert. Dass in „Picknick am Wegesrand“ ein Gesellschaftsmodell, eine Gesellschaft in einer besonderen Umgebung, geschildert wird, ist offensichtlich; doch ob dieses als „ideal“ zu bezeichnen ist oder ob zumindest ein Idealzustand angestrebt wird, ist problematisch. Zunächst ist es eine Frage der genauen Definition von „ideal“. Setzt man dieses Wort mit „perfekt“ gleich, so ist das Gesellschaftsmodell im Roman wohl kaum ideal. Jedoch ist sicher, dass die Gesellschaft in Harmont funktioniert, jeder Bewohner hat seine Aufgabe oder ist zumindest daran interessiert einen Platz in der Gemeinschaft einzunehmen. Dass die Menschen mit der neuen Situation versuchen umzugehen, sich anzupassen, könnte man als „auf Wirklichkeitsveränderung zum Idealzustand zielendes Denken“ bezeichnen. Es existieren weitere Definitionen von „Utopie“; so wurde im 16. und 17. Jahrhundert ein fiktiver Ort als Utopie bezeichnet, der Begriff wurde eine „geographische Metapher“. Da der Roman in Harmont, einer nicht real existierenden Stadt in Amerika, angesetzt wurde, trifft wohl auch diese, wenn auch veraltete, Beschreibung zu. Der letzte Definitionsaspekt, der im Reallexikon aufgeführt wird, ist der der Utopie als „Hirngespinst“, wie sie im 19. Jahrhundert genannt wurde. Diese Bezeichnung führte zusammen mit dem ab 1870 etablierten Zukunftsroman dazu, dass auch die moderne Science Fiction als „utopische Literatur“ gedeutet wird. Dieser letzte Punkt stimmt mit Suvins Theorie über Verfremdung und Novum überein. Auch wenn der Begriff „Hirngespinst“ negativ konnotiert ist, so beinhaltet er doch grundsätzlich, dass etwas erdacht wurde, was nicht der Realität entspricht. Der Besuch der Außerirdischen und die Zone sind Gegebenheiten, die der empirischen Welt des Autors und des Lesers widersprechen, also erfunden sind, und auf neutraler Ebene als „Hirngespinst“ dargestellt werden könnten.

„Picknick am Wegesrand“ als Science Fiction

Somit wäre also der erste Aspekt, der den Roman zu Science Fiction Lektüre macht, genannt; vorausgesetzt man bezieht sich auf die Definition Suvins. Um jenen auszuführen sei gesagt, dass die Autoren konsequent und folgerichtig eine Handlung, eine Welt auf dem eingeführten Novum konstruieren. Diese Konsequenz erwähnt auch Lem in seinem Nachwort. Er bezeichnet die Strugatzkis als „Realisten in der Phantastik […], denn Realismus in der Phantastik bedeutet Konsequenz, Ehrlichkeit bei der Ableitung sämtlicher Folgerungen aus den angenommenen Prämissen.“ Die Prämisse ist hier die Entstehung der Zone, die Reaktion und der Umgang mit ihr die Folgerung.
„Picknick am Wegesrand“ ist sehr philosophischer und auf die Zwischenmenschlichkeit gerichteter Natur. Der Roman befasst sich mit der menschlichen Gesellschaft, mit Strukturen und Gedanken, die in ihr herrschen und von den Menschen untereinander geteilt werden. Mit der Zone hat sich bei den Wissenschaftlern der Drang entwickelt, hinter ihr Geheimnis zu kommen. Sowohl ihr Auftreten, als auch ihr Wesen und die Beschaffenheit der in ihr existierenden Artefakte soll erklärt werden. Diese „Erklärungssucht“ kennt der Rezipient der Erzählung aus seiner eigenen Erfahrungswelt, wodurch der Erkenntnisbegriff nach Suvin hier Gehalt erhält. Je mehr die Wissenschaft herausfindet und im Stande ist zu erklären, desto mehr Probleme und Hindernisse, von denen man bisher nichts ahnte, tauchen auf; dies ist ein Phänomen, welches in der Realität des Lesers etabliert ist. Besonders im letzten Kapitel des Romans geht es um philosophische Fragen, die den Protagonisten am Ende seiner Suche nach der goldenen Kugel umtreiben. Als er an seinen verstorbenen Kollegen Kirill denkt, fallen ihm seine Worte ein, dass der Mensch zum denken geboren sei. Schuchart kann diese Ansicht nicht teilen, weiß jedoch ebenso wenig eine alternative Antwort auf die Frage nach der Existenz des Menschen. Seine Gedanken schweifen daraufhin zu seiner Arbeit ab. Er reflektiert über die Aufforderung, sein Schatzgräberdasein aufzugeben; er vergleicht „richtig arbeiten gehen“ mit „Sklave sein“, was er niemals wollte. Dieser Gedankengang spiegelt den Wunsch nach Selbstständigkeit wider; der Drang nach Unabhängigkeit und Entfaltung der eigenen Kreativität ist auch in der Umgebung der Autoren und der Leser verbreitet. Bis zum Ende des Romans ist die Hauptfigur eine Widerspiegelung der Menschheit. Die ständige Selbstreflexion, die von Unsicherheit und gegensätzlichen Gefühlen und Gedanken geprägt ist, ist jedem Menschen bekannt.

Danke Hannah für die Genehmigung zur Veröffentlichung!

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s