Musikwissenschaft ist gleich Musikwissenschaft?

Ein Vergleich, wie das Fach Musikwissenschaft in Bonn und Freiburg unterrichtet wird – zwei Studenten erzählen.


Wer bist du und was studierst du wo?

Hallo. Ich heiße Stephan, bin 22 Jahre alt und studiere im vierten Semester Musikwissenschaft/Sound Studies und Komparatistik als 2-Fach-Bachelor an der Rheinischen-Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.

Worauf legt dein Studiengang mehr Wert: Theorie oder Praxis? Erkläre kurz, warum.

Traditionell ist das Fach Musikwissenschaft an deutschen Universitäten in drei Bereiche gegliedert: die historische, die systematische und die vergleichende Musikwissenschaft(Musikethnologie). Neben den traditionellen Bereichen rücken in der Bonner Musikwissenschaft, neben der Musik in der Gesamtheit ihrer Erscheinungsformen und jeweiligen Kontexte, weitere klangliche Phänomene im Sinne von “organized sound” in den Vordergrund (daher auch die Ausweitung des Namens zu Musikwissenschaft/Sound Studies). Zudem sollen medienpraktische Veranstaltungen das Konzept, im Hinblick auf den sich gewandelten Arbeitsmarkt, abrunden.
Wie jedes wissenschaftliche Fach, ist auch das Fach Musikwissenschaft/Sound Studies an der Universität Bonn eher theoretischer Natur. Zwar gibt es beispielsweise mit der Einführung in Sounddesign, bei der die Grundlagen der professionellen Audioproduktion erklärt werden, auch ein praxisorientiertes Modul. Allerdings liegt der Schwerpunkt ingesamt gesehen klar auf der Theorie.

Wie ist ein Modul aufgebaut? Wie viel müsst ihr machen, um einen Bachelor zu bekommen?

Seit der Einführung des 2-Fach-Bachelors Musikwissenschaft/Sound Studies in Bonn besteht das Fach aus insgesamt acht Modulen, die alle vollständig absolviert werden müssen, um den entsprechenden Abschluss zu erlangen (exklusive der anstehenden Bachelorarbeit). Dies entspricht einem Umfang von insgesamt 78 Leistungspunkte für die Module + 12 Leistungspunkte für die Bachelorarbeit. Hinzu kommen noch 12 Leistungspunkte für ein Optionalmodul, das ebenfalls innerhalb des gesamten 2-Fach-Bachelor-Systems absolviert werden muss. Ein Modul besteht aus zwei aufeinander aufbauenden Seminaren. (jeweils 1,5 Stunden). Je nach Modul steht am Ende des Semesters entweder eine Klausur oder eine Hausarbeit an, um die erforderlichen Creditpoints zu erlangen.

Was ist Pflicht, was kann frei gewählt werden?

In gewisser Weise ist jedes der acht Module pflicht, um letzten Endes den entsprechenden Abschluss zu erlangen. Allerdings gibt es teilweise die Möglichkeit, das selbe Modul in verschiedenen Semestern zu belegen, sodass man keinen fest vorgeschrieben Ablauf hat, der unumgänglich ist. Hierdurch vermischen sich auch gerne mal die Kommilitonen, die ein entsprechendes Modul besuchen. Außerdem werden zu bestimmten Veranstaltungen Einführungskurse und Tutorien angeboten, die begleitend zum Studium besucht werden können, um selbiges zu erleichtern. Diese sind allerdings freiwillig und somit nicht verpflichtend.

Gibt es an deiner Uni auch einen weiterführenden Masterstudiengang?

Ja, den gibt es. Es gibt sogar zwei Masterstudiengänge im Fach Musikwissenschaft/Sound Studies an der Uni Bonn: M.A. Sound Studies und M.A. Digitale Kultur. Da ich mich aber selber noch mitten im Bachelor befinde, kann ich zu den jeweiligen Masterstudiengängen keine genaueren Angaben machen (außer die, die man auch auf der entsprechenden Seite im Internet finden kann).

Bist du persönlich zufrieden? Was fehlt noch?
Insgesamt haben ich nun sechs der insgesamt acht Module besucht und bin mehr als zufrieden. Die Module sind abwechslungsreich und bieten einen breitgefächerten Einblick in die einzelnen Bereiche der Musikwissenschaft: Sounddesign, Satzlehre, Musikgeschichte, Musik in plurimedialen Kontexten, Soundscapes etc. Dadurch, dass es insgesamt drei Einführung in verschiedene Teilbereiche gibt, hat man allerdings manchmal den Eindruck, als würde man aus allen Bereichen ausschließlich Grundlagenkenntnisse erlangen, aber nie wirklich tiefer in die Materie eindringen. So besucht man beispielsweise ganz klassisch eine Einführung in die Satzlehre (M2), die wirklich sehr basal gehalten ist, kann die gewonnen Kenntnisse im Laufe des Studiums allerdings nie mehr weiter vertiefen (zumindest nicht gezielt durch ein aufbauendes Modul). Hier bleibt einem nur das Selbststudium übrig. An dieser Stelle gibt es deutliche Unterschiede zu anderen Universitäten in Deutschland, die das Fach Musikwissenschaft unterrichten. Der Eindruck der (ausschließlich) breitgefächerten Grundlagenkenntnisse ist allerdings vermutlich einzig und allein der modernen Neuausrichtung des Fachs an der Uni Bonn geschuldet. Auch die Beherrschung eines Instrumentes ist in Bonn definitiv nicht erforderlich, auch wenn es sicherlich nicht schaden kann.Durch die Akzentverschiebung von der klassischen Musikwissenschaft hin zur moderneren Sound Studies können wahrscheinlich einfach manche Bereiche nicht noch weiter vertieft werden. Hier bleibt einem nun selbst überlassen, was einem lieber ist: die klassischere Ausrichtung der Musikwissenschaft, so wie sie beispielsweise an der Universität Köln oder in Freiburg gelehrt wird oder die moderne Ausrichtung der Musikwissenschaft, so wie sie in Bonn unterricht wird.
Als ich damals in Bonn mein Studium begonnen habe, war mir ehrlich gesagt gar nicht so klar, dass es hier derartige Unterschiede gibt. Ich sah im “organized sound” eher einen weiteren, eher untergeordneten Teilbereich neben den klassischen drei Teilbereichen. In Wirklichkeit würde ich den Bereich, den der “organized sound” einnimmt, deutlich höher einschätzen. Dennoch: Ich bereue es nicht, in Bonn Musikwissenschaft/Sound Studies zu studieren, da es mir einfach insgesamt wahnsinnig viel Spaß macht. Daher kann ich alle, die über ein Studium in Bonn nachdenken, nur ermutigen, dies auch in die Tat umzusetzen! 😉

bewertung bonn

Wer bist du und was studierst du wo?
Ich heiße Sara, bin 22 Jahre alt und studiere im 2. Semester HF Musikwissenschaft und NF Skandinavistik an der Uni in Freiburg.

Worauf legt dein Studiengang mehr Wert: Theorie oder Praxis? Erkläre kurz, warum.

Die Musikwissenschaft in Freiburg legt laut eigenen Angaben ihren Schwerpunkt auf Musikgeschichte, also eher auf die Theorie. Das kann ich von meinem Eindruck her bestätigen. Praktisch müssen wir in den ersten drei Semestern im Zuge der Harmonielehre-Kurse Klavierprüfungen absolvieren. Ansonsten ist in der Praxis nichts weiter vorgesehen, es werden jedoch regelmäßig Seminare angeboten, die mit Exkursionen verbunden sind (z.B. ins Literaturarchiv in Marbach, Musikmesse, Museum etc).

Wie ist ein Modul aufgebaut? Wie viel müsst ihr machen, um einen Bachelor zu bekommen?
Das Fach hat insgesamt 138 ECTS-Punkte. Die Vorlesungen bringen immer 2 ECTS, Proseminare und Kurse (Harmonie, Kontrapunkt, Lektüre) 6 ECTS und Hauptseminare 10 ECTS. Die Bachelorarbeit sind weitere 10 ECTS. Außerdem muss man im ersten Semester eine Einführung ins wissenschaftliche Arbeiten machen. Laut Studienverlaufsplan ist es vorgesehen, jedes Semester mindestens ein Seminar, eine Vorlesung und teilweise einen Kurs zu belegen, das ergibt pro Semester ca. 20 ECTS. Jedoch ist es jedem selbst überlassen zu entscheiden wie viel er belegen möchte und in welcher Reihenfolge. Für die Hauptseminare ab dem 5. Semester braucht man außerdem das Latinum, welches an der Uni in 2 Semestern nachgeholt werden kann. Die zu belegenden Module sind: Arbeitstechniken, Satztechnische Voraussetzungen, Harmonische Analyse, Geschichtliche Grundlagen, Erweiterung (Ethnomusikologie, systematische Musikwissenschaft) und Vertiefung.

Was ist Pflicht, was kann frei gewählt werden?
Sowohl Seminare und auch Vorlesungen können vom Thema her frei gewählt werden, man muss im Laufe des Studiums aber die Zeitabschnitte 13-15. Jhd. 15-17 Jhd. 17-19 Jhd und 19-heute abgedeckt haben.

Gibt es an deiner Uni auch einen weiterführenden Masterstudiengang?
Ja, MA Musikwissenschaft.

Bist du persönlich zufrieden? Was fehlt noch?

Relativ. Die Themen Auswahl ist meist recht groß, das gefällt mir, aber teilweise langweile ich mich vor allem in den Vorlesungen doch sehr. Ich würde mir wünschen größeren Wert auf die Musik ab dem 19. Jhd zu legen und auch moderne (aus den letzten 20 Jahren) Phänomene zu besprechen.

bewertung freiburg

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