Job ohne Klasse

Der Lehrerberuf hat Probleme mit dem Nachwuchs – Auf dem Weg vom ersten Semester zum ersten Lehrer-Job bleibt fast die Hälfte der Lehramts-Studenten auf der Strecke. Einer der Hauptgründe ist hierbei der späte Praxisbezug im Studium. Zudem mangelt es an Alternativen und Beratungsmöglichkeiten für Abbrecher.

Katharina Tewes arbeitet mit Zeichenblock und Bleistift. Keine Überraschung eigentlich, da sie Kunst und Mathe auf Lehramt studiert hat. Doch die Dortmunderin befindet sich in diesem Moment nicht in der Klasse und zeigt Schülern, wie man richtig schattiert. Sie steht in einer Kirche und zeichnet das Hochzeitspaar, das sich soeben das Ja-Wort gibt. Trotz ihres guten Studienabschlusses hat Katharina Tewes den Lehrerberuf aufgegeben und sich als Hochzeitszeichnerin selbstständig gemacht. Auf Hochzeiten, Taufen und weiteren Festen bietet sie eine Alternative zu Fotografen, indem sie die feierlichen Momente als Zeichnung festhält. Zusätzlich gibt sie Zeichenkurse und präsentiert ihre Kunst auf Ausstellungen. Die Einsicht, doch nicht Lehrerin werden zu wollen, kommt Katharina erst ziemlich spät. Als Referendarin merkt sie, dass die Strukturen in der Schule sie daran hindern, angemessen zu unterrichten: „Gerade im Kunstunterricht ist der zeitliche Rahmen einfach zu knapp. Ich denke, dass es bei zwei Wochenstunden nicht möglich ist, hinreichend auf die Schüler einzugehen.“ Das Referendariat schließt sie trotzdem ab, obwohl sie sich währenddessen bereits gegen eine Karriere an der Schule entschieden hat. Aus dem Studium mitnehmen kann sie kaum etwas, Unterrichtsmethoden und Didaktik-Vorlesungen helfen ihr als Unternehmerin nicht weiter: „Ich habe neben dem Studium als studentische Hilfskraft gearbeitet und Tutorien im Fach Kunst gegeben. Dabei konnte ich mir ein organisatorisches Fachwissen aneignen, das mir auch jetzt noch weiterhilft. Ansonsten gibt es aber kaum Überschneidungen mit dem Studium.“

Katharina Tewes_Schule Kopie

Später Praxisbezug als Karrierekiller

Der Karriereumweg von Katharina Tewes ist kein Einzelfall unter Lehramts-Studenten. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) geht davon aus, dass nur 50 bis 60 Prozent der Lehramts-Erstsemester später auch Lehrer werden. Also bricht knapp die Hälfte der Studenten das Studium ab, geht nach dem Examen nicht ins Referendariat oder wechselt nach dem Referendariat in einen anderen Beruf. Viele merken erst spät, dass sie den falschen Beruf gewählt haben, weil die Erfahrungen in der Praxis fehlen. Dieser Meinung ist auch Ruth Girmes, Mitarbeiterin des akademischen Beratungscenters an der Uni Duisburg-Essen. Sie berät Hochschulabsolventen in Karrierefragen und kennt die Probleme der Lehramts-Studenten: „Viele kommen nach dem Referendariat zu mir, weil sie nicht weiterwissen. Den meisten hat das Studium gut gefallen, und erst in der Schule fällt ihnen auf, dass sie keine Lehrer werden wollen. Der Praxisbezug ist ein großes Problem im Lehramt. Die Studenten gehen einfach zu spät in die Schulen.“ Für problematisch hält Ruth Girmes auch, dass viele Lehramts-Abbrecher sich nicht eingestehen wollen, den falsche Studiengang – und damit den falschen Beruf – gewählt zu haben: „Viele quälen sich mit Versagensängsten herum, weil sie an dem Berufswunsch festhalten.“ Die Beratung in diesen Fällen ist für Ruth Girmes schwierig: „Ich versuche, individuell auf die Studenten einzugehen. Ich schaue mir an, welche Fächer sie belegt haben und was ihre Interessen sind, um dann eine mögliche Alternative bieten zu können.“

Thoms Stratmann_Labor Kopie

Thomas Stratmann hat sich die Suche nach Alternativ-Jobs gespart und einen anderen Weg eingeschlagen. Er setzt seine Uni-Laufbahn fort und arbeitet mittlerweile er am Kölner Institut für Genetik. Für seine Bio-Doktorarbeit forscht er hier an der Regulation von Genen in Bakterien. Der Plan des 29-Jährigen war ursprünglich ein anderer: Auch Thomas möchte nach dem Abitur Lehrer werden und schreibt sich in Köln für die Studiengänge Geschichte und Latein auf Lehramt ein. Ihm wird jedoch schnell klar, dass Latein die falsche Wahl war. Was ihm in der Schule noch gut gefallen hat, wirkt an der Uni totlangweilig. Nach zwei Semestern wechselt er zur Biologie und schließt dort, ebenso wie in Geschichte, sein erstes Staatsexamen ab. Dann ergeht es ihm ähnlich wie Katharina Tewes. Neben Vorlesungen und Seminaren bleibt die Berufspraxis bei Thomas erstmal auf der Strecke. Seine Pflichtpraktika verschiebt er Semester um Semester. Erst kurz vor Ende des Studiums steht er das erste Mal als Lehrer vor einer Klasse. Dabei fällt ihm auf, dass er zwar Interesse an den Fächern hat, aber keinen Spaß am Unterrichten. Nach vier Jahren Studium wird Thomas bewusst, dass sein ursprünglicher Berufswunsch der Falsche ist. „Während des Praktikums habe ich gemerkt, dass ich überhaupt kein Lehrer werden will. Und weil es im Lehramts-Studium kaum Möglichkeiten gibt, nebenbei berufsbezogen zu arbeiten, kam mir diese Einsicht erst reichlich spät“, sagt Thomas heute. Von der Enttäuschung, umsonst studiert zu haben, erholt er sich sehr schnell. Er weiß bald, was er stattdessen machen möchte und nutzt sein Examen, um in Biologie zu promovieren. Thomas bleibt an der Uni, weil ihm Forschung mehr liegt als Didaktik. Außerdem gibt es seiner Meinung nach mit einem Lehramts-Studium kaum Berufsalternativen: „Es ist eine sehr eingefahrene Laufbahn, aus der man schwer raus kommt. Das Studium ist schließlich nur auf den einen Beruf ausgelegt.“

Als Abbrecher schlecht beraten

Das Fehlen von Alternativen wirft wiederum neue Probleme auf. Zwar sind die Beratungsstellen für Lehramts-Studenten an den Unis gut aufgestellt und helfen bei der Suche nach Praktika oder Referendariatsplätzen weiter, bei der Suche nach anderen Jobs helfen die Beratungsangebote hingegen nicht. Daher sind viele Abbrecher erst einmal auf sich allein gestellt. Durch die eingefahrene Laufbahn müssen sie sich Jobs suchen, für die sie nicht ausgebildet sind. Bei der zentralen Studienberatung oder der Agentur für Arbeit geht man zwar auf die Abbrecher ein, bei der Jobvermittlung allerdings haben Diplom- und Bachelor-Studenten einen Vorteil. „In manchen Bereichen ist es für Diplomer leichter einen Job zu bekommen, weil das fachbezogene Wissen größer ist. Lehramts-Studenten sind in ihrem Sachgebiet nicht so spezialisiert und haben bei Arbeitsstellen, die primär fachliche Ansprüche stellen, einen Nachteil“, sagt Franz Josef Teupe von der Agentur für Arbeit in Dortmund. Für ihn kommt noch hinzu, dass ein Lehramts-Studium Signale bei der Suche nach alternativen Jobs setzt: „Es hat eine Wirkung, wenn man sich nach dem zweiten Staatsexamen auf einen anderen Beruf bewirbt. Für Personalchefs ist die Motivation der Bewerber sehr wichtig. Daher sollte man schon gut argumentieren können, warum man sich für diesen Beruf entschieden hat und nicht Lehrer geworden ist.“ Trotz der Schwierigkeiten, die sich bei der Suche nach Alternativen ergeben, treibt es viele Lehramts-Studenten in Berufe abseits von Klassenzimmer und Kopfnoten. Viele gehen zum Beispiel in die Personalentwicklung, wo sie etwa Systeme zur Verbesserung der Arbeitseffizienz oder zur Motivation der Angestellten entwickeln. Einige probieren es in der Erwachsenenbildung, etwa als Leiter von Weiterbildungsmaßnahmen, wieder Andere versuchen es im Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.

Thoms Stratmann_Schule Kopie

Die Lösung aller Probleme?

Für Katharina Tewes und Thomas Stratmann ist der Plan, Lehrer zu werden, gescheitert. Sie haben sich gegen den Beruf entschieden, als sie ihn in der Praxis kennenlernten. Ob man Lehrer werden möchte oder nicht, zeigt sich also erst, wenn man vor einer Klasse steht und unterrichtet. Um den Praxisbezug früher herzustellen und Lehramts-Studenten auf den Unterricht vorzubereiten, wird die Lehrerausbildung in NRW umgestellt. Statt des Staatsexamens studieren die Lehramtsanwärter von nun an im Bachelor/Master-System. Die neue Studienordnung sieht vor, ein Praxissemester in das Grundstudium zu integrieren und dafür das Referendariat um sechs Monate zu verkürzen. Außerdem wird für die Zulassung zum Studium ab dem Sommer 2011 ein Orientierungspraktikum an einer Schule vorausgesetzt: Bevor es an die Uni geht, müssen die angehenden Studenten vier Wochen lang in den Lehrerberuf hineinschnuppern. Die Änderungen sind ein Schritt in die richtige Richtung: Durch die frühe Praxiserfahrung können sich die Studenten besser auf den Beruf einstellen. Außerdem merken sie frühzeitig, ob der Job als Lehrer das Richtige ist. Sollten sich dann trotzdem noch Zweifel an der Berufswahl einstellen, muss die Entscheidung für einen neuen Karriereweg gut durchdacht sein. Denn auch wenn es Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt gibt – Hilfe bei der Jobsuche ist kaum zu erwarten.

Text: Manuel Solde
Fotos: Moritz Tschermak

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