„damit die Bevölkerung sich für dieses Kulturdenkmal interessiert“

Dieser Ausschnitt stammt aus einer Hausarbeit im Fach Soziologie. Obwohl die Soziologie inzwischen als eigenständiges Forschungsfeld gesehen wird, haben wir uns entschlossen, auch diese Hausarbeit zu veröffentlichen, um den Unterschied zur Geisteswissenschaft aufzuzeigen. Hier wurden Theorien zur Vereinsstruktur auf einen konkreten Verein angewendet und mit den Aussagen der Kulturbotschafterin Frau U. abgeglichen. Das Modul trug den Titel Kirchen als „Mitte des Dorfes“ und Theater als „Orte der Außeralltäglichkeit“? Eine Untersuchung des ehrenamtlichen Engagements in Kirchbau- und Theaterfördervereinen.

Die Verfasserinnen haben sich dazu entschlossen, die Hausarbeit im generischen Femininum zu schreiben, also die weibliche Form stellvertretend für alle Formen zu verwenden. Das erkennt man z.B. im Satz “Eine verlässliche Anhängerschaft hat sich Frau U. besonders durch persönlichen Kontakt mit den Bewohnerinnen ihrer Straße geschaffen […]”, wo Bewohnerinnen sowohl männliche als auch weibliche Bewohner einschließt.

Wie seht ihr das: Gendert ihr eure Hausarbeiten und wenn ja, wie? Sollte man das machen oder stört das eher beim Lesen? Eure Meinung interessiert uns!

Danke an Alina, Ulrike und Wibke für die Genehmigung zur Veröffentlichung des Ausschnitts!

Hausarbeit Soziologie

Interessant sind, im Hinblick auf unsere Forschungsfrage nach der Vereinsstruktur, Webers Ausführungen zum Thema Herrschaftssoziologie. Stefan Breuer konstatiert, dass Webers Herrschaftssoziologie insbesondere für ein Konstruktionsprinzip bekannt sei, dasjenige der „Differenzierung von Herrschaftstypen nach Geltungsgründen“ (Breuer 1991:19). So charakterisiert Weber selbst diese Differenzierung folgendermaßen: „An ,Legitimitätsgründen‘ der Herrschaft gibt es, in ganz reiner Form, nur drei, von denen – im reinen Typus – jeder mit einer grundverschiedenen soziologischen Struktur des Verwaltungsstabs und der Verwaltungsmittel verknüpft ist.“ (Weber 1988: 475). Diese drei Herrschaftstypen sind die rationale, die traditionale und die charismatische Herrschaft (vgl. Weber 1980: 124), wobei wir an dieser Stelle nur auf letztere genauer eingehen möchten, da diese im Falle des Kirchbaufördervereins in K-Dorf die relevante zu sein scheint. Der Begriff des Charismas ist auf altchristliche Terminologie zurückzuführen und bedeutet ursprünglich „Gnadengabe“ (vgl. Weber 1980: 124). In Webers Werk findet er nicht nur in der Herrschaftssoziologie Verwendung, sondern ist auch eng verschränkt mit seiner Religionssoziologie. So lässt Webers Definition dieses Herrschaftstyps auf religiöse Ursprünge zurückschließen: „Im Fall der charismatischen Herrschaft wird dem charismatisch qualifizierten Führer als solchem kraft persönlichen Vertrauens in Offenbarung, Heldentum oder Vorbildlichkeit im Umkreis der Geltung des Glaubens an dieses sein Charisma gehorcht.“ (Weber 1980: 124). Die charismatische Herrscherin sticht nach Weber durch bestimmte außeralltägliche Qualitäten und Eigenschaften hervor, die als gottgesandt oder zumindest vorbildlich gelten (vgl. Weber 1980: 140). Dirk Tänzler stellt fest, dass mit der Zeit eine zunehmende Säkularisierung des Charisma-Begriffs stattfand (vgl. Tänzler 2007: 123) und bietet eine zeitgemäßere Interpretation an:
„Fragt man sich, worin ,Charisma‘ eigentlich bestehe, so kann man zumindest so viel sagen, daß [sic] es sich in einem ausgeprägten Entscheidungs- und Gestaltungswillen ausdrückt, der im Handeln die sich in einer Krisensituation offenbarenden Lücken des gesellschaftlichen Wissens überbrückt und sich darin als sozial anerkannte Leistung bewährt“ (Tänzler 2007: 125).

Diese Definition zufolge ist Frau U. eine Charisma-Trägerin. Wie bereits herausgestellt, scheut sie sich nicht davor, Entscheidungen innerhalb des Vereins zu fällen und als Kulturbotschafterin das Kirchgebäude nach ihren Willen zu gestalten und dadurch mit neuer Bedeutung zu versehen. Außerdem beginnt sie in einer Krisensituation zu handeln, als der Kirche die Schließung droht und überbrückt – zusammen mit ihrem Mann, der an dieser Stelle auch als Charisma-Träger charakterisiert werden kann – die Lücke gesellschaftlichen Wissens durch ihr Wissen zu Vereinen und Stiftungen. Sie bewährt sich in ihrem Handeln, welches von den übrigen Dorfbewohnerinnen als soziale Leistung gewürdigt wird; „das wird einfach anerkannt“, 915-916. Diese Würdigung wird mit der Verleihung des Ehrenamtspreises an Frau U. noch manifestiert (vgl. 107-111). Es ist faszinierend, wie Webers Beschreibung des Charismas stellenweise bis ins Detail auf Frau U. zutrifft:
„Reines Charisma ist spezifisch wirtschaftsfremd. Es konstituiert, wo es auftritt, einen ,Beruf‘ im emphatischen Sinn des Worts: als ,Sendung‘ oder innere ,Aufgabe‘. […] Was sie alle verschmähen […] ist:die traditionale oder rationale Alltagswirtschaft, die Erzielung von regulären ,Einnahmen‘ durch eine darauf gerichtete kontinuierliche wirtschaftliche Tätigkeit. […] ,Rentnertum‘ als Form der Wirtschaftsenthobenheit kann – für manche Arten – die wirtschaftliche Grundlage charismatischer Existenzen sein.“ (Weber 1980: 142)

Wie bereits erläutert, sieht Frau U.s Konzeption von Ehrenamt es nicht vor, dass ehrenamtliche Arbeit mit dem Berufsalltag vereinbar ist. Deshalb warten sie und ihr Mann, bis sie „nicht mehr so im Berufsprozess stehen“ (44-45). Allerdings erzählt sie den Gründungsmythos40 des Kirchbaufördervereins so, als ob es schon immer ihr Anliegen gewesen sei, sich um diese Kirche zu kümmern (vgl. 41-49), wie eine Art Sendung oder Berufung. Zumindest scheint für Frau U. und ihren Mann, der bereits Rentner ist, das ehrenamtliche Engagement einen Arbeitsersatz darzustellen. Wichtig ist zudem, dass nach Weber innerhalb der Vergemeinschaftung der charismatischen Herrschaft, im Falle von Frau U. folglich innerhalb der Vereinsmitglieder, keine Hierarchie vorherrsche, „[s]ondern nur eine Berufung nach Eingebung des Führers auf Grund der charismatischen Qualifikation des Berufenen“ (Weber 1980: 141). Vor allem im Verwaltungsstab, der noch eine Ebene höher zu verorten ist und daher in Analogie mit dem Vereinsvorstand steht, gelte bei der Besetzung von Posten nicht die Fachqualifikation, sondern insbesondere die charismatische Eignung (vgl. Weber 1988: 482). Ein schönes Beispiel hierfür ist der Arzt, welcher aus Repräsentationsgründen im Vorstand des Kirchbaufördervereins ist, denn „der ist deswegen wichtig, weil er einmal Kirchenvorstandsmitglied ist, dann is er der Arzt hier bei uns im Ort und auf den viele hören und und den jeder kennt und dann is es gut, wenn man so jemanden [als] Fürsprecher hat“ (458-460). Nicht fachliche Kompetenz qualifiziert ihn für den Posten im Vorstand des Vereins, sondern die „Gefolgschaft“ (Weber 1988: 483) im Ort und damit der Einfluss. Der Buchhalterin, die in einem, für den Verein relevanten Gebiet fachlich qualifiziert ist, wird von Frau U. keine Verantwortung übertragen: Sie schreibt die Steuererklärung, aber die Buchhaltung, ihr eigentliches Fachgebiet, erledigt Frau U. selbst (vgl. 480-484). So gibt es kein festes Reglement, innerhalb der charismatischen Herrschaft, sondern es gilt die Devise „,es steht geschrieben, – ich aber sage euch‘“ (Weber 1980: 141). Frau U. hat nach eigenen Angaben die Fäden in der Hand (vgl. 528) und fällt wichtige Entscheidungen selbst, vor allem da die Mitgliederversammlung, die den formellen Rahmen hierfür bieten würde, nur einmal im Jahr stattfindet (vgl. 709).
„Der Verwaltung – soweit dieser Name adäquat ist – fehlt jede Orientierung an Regeln, sei es gesatzten, sei es traditionalen. Aktuelle Offenbarung oder aktuelle Schöpfung, Tat und Beispiel, Entscheidung von Fall zu Fall, jedenfalls also – am Maßstab gesatzter Ordnungen gemessen – irrational, charakterisiert sie.“ (Weber 1988: 482)

So gibt es beispielsweise im Falle des Kirchbaufördervereins in K-Dorf keine öffentlich zugängliche Satzung. Die für die Vereinsmitglieder geltenden Regeln scheinen nirgendwo verbindlich festgelegt zu sein, vielmehr entscheidet Frau U. als charismatische Kulturbotschafterin selbst, wann wem welche Aufgabe zugeteilt werden kann (vgl. beispielsweise 529-539; 548-556; 690-698). Auch scheint, wie bereits erwähnt, die Mitgliederversammlung eine eher periphere Rolle zu spielen. Stattdessen sind Frau U. und ihr Mann, passend zur ihrer Macher-Identität41, mit eigener Tat ein Beispiel dafür, wie die übrigen Dorfbewohnerinnen zu handeln haben – so wie im Falle der Sanierung der Kirche (vgl. 166-167). Außerdem gab es für den Aufbau des Vereins keine Orientierung an „traditionalen“ (Weber 1988: 482) Regeln oder Vorbilder, vielmehr hat das Paar „einfach losgelegt“ (962).

[…]

Eine verlässliche Anhängerschaft hat sich Frau U. besonders durch persönlichen Kontakt mit den Bewohnerinnen ihrer Straße geschaffen, die jederzeit einspringen, falls es etwas
für sie zu tun gibt (vgl. 637-651). Hier offenbart sich wiederholt die Kulturbotschafterin mit der Strategie, Kontakt als Dreh- und Angelpunkt wahrzunehmen. Neben all den Aspekten, welche wir in der Charakterisierung der Kulturbotschafterin bereits herausgearbeitet haben, lässt sich nun festhalten, dass Frau U.s Charisma ihr dabei hilft, diese Strategie zu verwirklichen. Dies gilt gerade auch für das Herstellen von Kontakten nach oben, zu anderen, Frau U.s Einschätzung nach, charismatischen Personen, wie zum Beispiel der Bundestagsabgeordneten Frau L. (vgl. 1005-1021). Da die charismatische Herrschaft nur solange legitim ist, wie sie unter den Beherrschten Anerkennung findet (vgl. Weber 1980: 141) und daher mit dem Wegfall der Charisma-Trägerin oftmals beendet ist, stellt Weber sich die Frage der Nachfolgebeschaffung. Erarbeitet verschiedene Lösungen heraus, mit denen eine Nachfolge gewährleistet sein könne, wie beispielsweise durch Losverfahren, Nachfolgerdesignation oder der Suche nach einer anderen charismatischen Person – um nur einige zu nennen (vgl. Weber 143-144). Eine lohnenswerte Untersuchung in Hinblick auf weitere, längerfristige Forschung im Feld wäre die Frage, wer die Nachfolge von Frau U. als aktueller Charisma-Trägerin einmal antreten wird und welchem Typus diese Person entspräche.

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